Wenn sich der Albtraum wiederholt

Im letzten Frühjahr entdeckten wir eine schöne neue Ecke für Spaziergänge für uns. Dichter Wald, der morgens eine schöne Kühle beherbergte, angenehm zu laufende Wege, viel offline Strecke und zumeist nicht allzu viele andere Zwei- und Vierbeiner. Ja, wir haben es ein, zwei Monate genossen. Bis Buddy dann eines samstags von einem Anwohnerhund angegriffen wurde.

Auf der einen Seite bin ich froh, dass ich die Geschichte erst ein gutes dreiviertel Jahr später berichte, weil ich so nicht mehr ganz so sehr von Emotionen überrannt werde. Auf der anderen Seite muss ich dieses Erlebnis jetzt noch einmal hochholen, wo es doch schon so weit unten in meinem Sack an negativen Dingen aus dem letzten Jahr vergraben ist… Aber was raus muss, muss raus.
Wir waren also an diesem Samstagmorgen extra früh losgefahren, damit wir den Wald noch weitestgehend für uns allein haben würden. Wunderschöner Nebel begrüßte uns und ich freute mich schon darauf, die Kamera auszupacken. Nach vielleicht eineinhalb Kilometern kamen wir an eine Kreuzung. Aus einiger Entfernung sah ich schon auf einem der anderen Wege einen älteren Herrn mit einem riesigen Hofhund auf uns zusteuern. Also leinte ich Buddy wie gewohnt deutlich sichtbar an um klarzustellen, dass wir keinen Kontakt möchten. Und wie es leider öfter in solchen Situationen ist, kam diese Geste beim Gegenüber gar nicht an.

Buddy mit Luftballon - Pinscher Buddy, Buddy and Me, Hundeblog, Dogblog, Ruhrgebiet, Leben mit Hund, Hundealltag

Also äußerten wir kurz vor dem Zusammentreffen nochmal die dringende Bitte, den anderen Hund doch bitte anzuleinen. Antwort: „Ach, keine Sorge, der ist ganz lieb und ruhig. Er ist selbst erst vor ein paar Tagen gebissen worden“ – und da gingen für mich dann alle Alarmglocken an. Nicht nur, dass wir mit den sogenannten Tut-Nixen die schlimmsten Erfahrungen gemacht haben, nein, auch die große, frisch genähte Wunde an dem anderen Hund in Kombination mit gestresster, angespannter Körpersprache machten mich sehr nervös. Doch was sollte ich innerhalb von Sekunden tun? Ich nahm Buddy auf die abgewandte Seite, ganz eng an mich, und versuchte schnell, aber ruhig vorbeizuschreiten… da war es schon zu spät. Der Riese stand quer vor mir, mit dem Kopf über Buddy. Buddy grummelte und im Bruchteil einer Sekunde packte der andere zu und drückte Buddy runter. Während der Herzmann den fremden Hund am Fell packte und wegriss, zog ich den schreienden Zwerg drunter weg und hob ihn auf. Sein Atem ging rasselnd und kurz abgehackt. In seinen Augen war das Weiße zu sehen und er schnaufte so sehr, dass bei jedem Ausatmen Schnodder aus der Nase flog. Aber am schlimmsten war das Röcheln bei jedem Atemzug. Während der alte Mann nur das übliche „Wie konnte das nur passieren“ und „das hat er noch nie gemacht“ von sich gab, war ich, den Zwerg so fest ich mich traute an mich gedrückt, schon dabei so schnell ich konnte zum Auto zu laufen. Denn ich wusste, wir müssen zur Klinik. Der Weg kam mir endlos vor, Buddys Röcheln zerrte an meinen Nerven, meine Arme taten so weh von der ungewohnten, längeren Belastung. Der Herzmann wollte mir den Zwerg mehrmals abnehmen, aber ich hatte das Gefühl, wenn ich ihn loslasse, dann ist alles vorbei. Er war ganz schlaff und schwer in meinen Armen.

Warte-Horror-Thriller

Aus dem Auto riefen wir von unterwegs in der Klinik an. Nach unserer Schilderung bekamen wir die Anweisung direkt zur Tür an der Schlange vorbei durchzukommen und Buddy zum Röntgen reinzureichen – Coronaschutzmaßnahmen gab es natürlich auch in der Notfallversorgung.
Die Fahrt lang war der Zwerg nahezu apathisch still. Auch als ich ihn an der Kliniktür einer ihm fremden Person in den Arm gab, blieb er ganz ruhig und blickte sich nicht mal zu mir um als er weggetragen wurde. Dann begann das Warten. Der Parkplatz war eine trubelige, brechend volle Wartezone, denn drinnen durfte niemand ins Wartezimmer. Es wurde zunehmend wärmer. Meine überanstrengten Arme waren zu nichts mehr zu gebrauchen, ich konnte nicht mal eine Flasche zum Trinken anheben. Wir warteten und warteten… und nichts tat sich. Fast eine Stunde war vergangen und so langsam stieg kalte Panik in mir auf. Der Herzmann ging also nach reichlichem Drängen meinerseits rein um nachzufragen. Gott sei Dank, Entwarnung, sie hatten Buddy nach dem Röntgen im klimatisierten Ruhebereich zwischengeparkt, damit er nicht der Hitze ausgesetzt ist. Kurze Zeit später konnte ich dann zum Arzt rein. Auf dem Röntgenbild war nichts zu sehen, die Organe sahen unverletzt aus und Buddys Atmung normalisierte sich auch langsam. Er wurde gründlich abgehört und abgetastet. Wegen der deutlichen Schmerzreaktion bekam er ein Schmerzmittel, dann durften wir heim gehen.

Finsterer Nebelwald - Pinscher Buddy, Buddy and Me, Hundeblog, Dogblog, Ruhrgebiet, Leben mit Hund, Hundealltag

Zeit zu Genesen und Aufzuarbeiten

In der nächsten Woche lief bei uns erstmal alles im Schongang, Buddy hatte eindeutig bei bestimmten Bewegungen Schmerzen – wen wundert’s – und legte sich meistens auch nur auf einer Seite schlafen. Mit den Wochen ging es ihm aber bald wieder besser, zumindest was das Körperliche angeht.
Buddys Verhalten draußen war ab diesem furchtbaren Tag von Unsicherheit und Angst geprägt. Bahnte sich eine Hundebegegnung an, blieb er wie angewurzelt stehen, zitterte, riss die Augen auf und ließ sich zu keinem Millimeter Bewegung überreden. Da half nur anleinen und am Rand warten bis der andere vorbei war. Ich sorgte konsequent dafür, dass kein Hund näher als zwei Meter an ihn ran kam. Und ich versuchte ihm nichts aufzuzwingen, selbst wenn wir dadurch viele, viele Minuten auf jeder Runde am Wegesrand verbrachten. Mit viel Geduld, Ruhe und dem Vermeiden jeglicher ungewollter Kontakte arbeiteten wir uns über die Monate wieder auf ein alltagstaugliches Level vor. Bei nahenden Hunden bleibt er immer noch wie angewurzelt stehen, meistens kann ich ihn aber mit entspannter Haltung und freundlichen, gelassenen Worten dazu bewegen, an meiner Seite weiterzugehen. Und wenn nicht, dann warten wir eben.

Ein später Schock

Etwa einen Monat nach der Attacke fühlte ich an Buddys Rippe einen dicken Knubbel. Ich bekam natürlich erstmal einen Schreck. Es fühlte sich an, wie eine Knochenumbildung – das kannte ich schließlich von eigenen, heilenden Frakturen. Sicherheitshalber gingen wir nochmal zu unserer Tierarztpraxis. Erstmal hieß es natürlich „Bestimmt nur ein Knubbel von einer Spritze“, obwohl ich Stein und Bein schwor, dass es an dem Knochen saß. Und tatsächlich stellte sich bei der Untersuchung heraus, dass ich recht hatte. Der Heilungsprozess passte zeitlich auch genau zu dem Angriff auf Buddy. Der andere Hund hatte ihm eine Rippe gebrochen. Warum war das nicht im Röntgenbild sichtbar gewesen? Nun, die Tierärztin erklärte uns, dass der Winkel der Aufnahme standardmäßig genau so war, dass diese eine Stelle, nicht weit von der Wirbelsäule, nicht erfasst wurde.
Im Nachhinein wurde mir ganz übel bei dem Gedanken, dass Buddy wochenlang mit einer gebrochenen Rippe herumgelaufen ist, ohne dass wir auf entsprechende Schonung geachtet hätten. Und ich war noch wütender darüber, dass dieser Mann weder auf uns gehört hat noch seinen Hund richtig lesen konnte, dass er nichts dafür getan hat um zu verhindern, dass Buddy so übel verletzt wird. Und der Zwerg tat mir einfach noch mehr leid. Es nagte lange an mir. Auch weil ich es nicht geschafft hatte ihn zu schützen. Schon wieder.

Vor der Hundeattacke - Pinscher Buddy, Buddy and Me, Hundeblog, Dogblog, Ruhrgebiet, Leben mit Hund, Hundealltag

Heute, ein dreiviertel Jahr später, bin ich noch rigoroser geworden, was andere Menschen und ihre Hunde angeht. Ich mache keine Kompromisse mehr, lasse keinen Hund mehr ungewollt in Buddys Nähe und scheue mich auch nicht davor weit und breit als lästige Begegnung bekannt zu sein – was sicherlich bei einigen Leuten hier der Fall sein wird – bei der man seinen Hund immer ranrufen und anleinen muss.
Eher selten treffen wir mal auf einen anderen Hund, bei dem ich ein gutes Bauchgefühl habe und Buddys Körpersprache „okay!“ ruft. Umso schöner ist es dann für uns beide, wenn die Begegnung angenehm verläuft, der Zwerg ausgelassen fröhlich ist und sogar ein bisschen gespielt wird. In diesen Momenten bin ich immer wieder beeindruckt davon, zu welch unglaublichen Verarbeitungs- und Regenerationsleistungen unsere zwei- und vierbeinigen Gehirne nach Traumata in der Lage sind. Das gibt mir eine Menge Hoffnung.

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