Das Ende der Etikette – Hundebegegnungen ohne Rücksicht

Hundebegegnungen waren für mich schon immer ein kleines Reizthema. In den ersten Jahren vor allem deswegen, weil Buddy am liebsten zu jedem hin wollte, sich während der Pubertät von jedem fremden Hund mehr angesprochen fühlte als von mir und es viele unangenehme Momente gab, in denen ich ihn mit vielen Entschuldigungen an die anderen Halter einfangen und anleinen musste, damit er nicht ungefragt andere angeleinte Fellgenossen zum Spiel aufforderte. Sei es durch Lernerfolge, sei es durch negative, prägende Erfahrungen, Fakt ist, wir haben dieses Problem in den Griff bekommen. Und mir war in all den Jahren stets bewusst, dass es so nicht sein darf. Aber mit dieser Auffassung scheint man heutzutage in Wald und Wiesen in der Minderheit zu sein.

Rücksicht auf dem Rückzug

Gerade in den letzten Monaten häufen sich nicht nur in den sozialen Netzwerken die Geschichten über unschöne Hundebegegnungen, uneinsichtige Halter und potentiell bedrohliche Situationen. Und verrückterweise scheint dieses Problem auch für uns zum Alltag zu werden, gerade seit wir an Buddy’s Ängsten nach der Hundeattacke arbeiten. Aus einer blöden Begegnung pro Woche wird mittlerweile ein täglich grüßt das Murmeltier, immer öfter bin ich gezwungen den fremden Hund zu packen bevor er Buddy erreichen kann und nicht nur einmal wurde so nach mir wütend in die Luft geschnappt. An der Halterfront herrscht durchaus Abwechslung, mal sind sie abgelenkt am Handy, mal schätzen sie ihren Hund einfach völlig anders ein, mal sind sie auch noch verständnislos gegenüber meinem Eingreifen und manchmal, da sind sie nicht einmal in Sichtweite. Eins haben sie aber alle gemein: sie sehen scheinbar nicht die Notwendigkeit ihren Hund erzieherisch oder mit der Leine so zu bei sich zu führen, dass sie nicht ungefragt auf andere Hunde zustürmen, erst recht nicht wenn diese angeleint sind.

Eigentlich liegt es mir überhaupt nicht, über andere Hundemenschen und ihre Einstellungen herzuziehen, denn grundsätzlich bin ich der Meinung, dass jeder das Recht auf eigene Vorstellungen und Herangehensweisen hat – sei es bei der Erziehung, beim Futter oder bei der Freizeitgestaltung. Aber in dem Moment, wo andere auf ihren Spaziergängen massiv eingeschränkt werden und nicht selten psychisch oder physisch schaden nehmen platzt auch mir irgendwann mal der Kragen.

Ein Sommer der den Zwerg veränderte

Buddy hat sich im letzten Jahr sehr verändert. Aus meinem offenen, selbstbewussten Zwerg ist ein Hund geworden, der nicht mehr entspannt vor die Tür geht. Der stehen bleibt und blockt wenn er einen fremden Hund sieht und der permanent über die eigene Schulter schaut. Das traumatischste Erlebnis war hier natürlich die Attacke auf Buddy, bei der der Nachbarshund sein Herrchen überrumpelte, alleine auf die Straße stürmte, nicht auf den Rückruf reagierte und sich zielgerichtet Buddy packte. Wer nicht im Thema ist, findet meine Verarbeitung dieses Tages in der entsprechenden Horrorstory. Nun, dieser Nachbarshund war von Junghund an ein Haudegen, der dringend klare Regeln und eine sichere erzieherische Führung gebraucht hätte. Schon in diesem zarten Alter hat er Buddy einfach aus dem Nichts heraus versucht knurrend auf den Boden zu drücken. Nun konnte oder wollte das Herrchen diese erzieherische Arbeit nicht investieren und führt ihn seither angeleint im Bogen an anderen vorbei. Aber wie schon oben erwähnt will ich das gar nicht bewerten, immerhin gab es so für anderen Hunde keine Gefahr. Dass er in diesem unglücklichen Moment aus dem Haus entwischte ist sicherlich weit ab von okay und hätte richtig schlimm ausgehen können. Dennoch habe ich es als unglücklichen Unfall angesehen.

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Seitdem gehen wir dort nun nicht mehr vorbei. Zum einen weil Buddy panische Angst vor diesem Teil der Wegstrecke hat, zum anderen aber auch weil ich mir nicht sicher bin, dass das nicht noch einmal passiert. Und unser Glück im Unglück will ich weiß Gott nicht provozieren. Also haben wir uns in kleinen Schritten daran gemacht wenigsten den Rest der heimischen Gassirunde aufzuarbeiten, soweit, dass mein einst so offener, selbstbewusster Buddy nicht mehr alle zwei Meter zitternd stehen bleibt und sich permanent nach seinem Angreifer umschaut. Zwei Monate hat es gedauert. Dann öffnete sich auf der Straße eine Haustür, ein Hund kam allein herausgerannt und stürmte auf Buddy zu. Nicht aggressiv, nein, aber sehr direkt, ohne Einschränkung und einen Menschen in Sichtweite. Er lief uns auch noch meterweit hinterher. Von drinnen ertönte nur eine rufende Stimme die mir schnell klar machte, dass dieser Hund so scheinbar Gassi geht. Tür auf, Hund läuft alleine zur nächsten Baumscheibe, macht seine Geschäfte und kommt wieder rein. Für Buddy war das in diesem Moment auf dieser Strecke eine Katastrophe. Wir mussten nicht nur wieder von Null anfangen, bis heute können wir die Runde eigentlich nicht mehr gehen, denn er hat nun eine derart festgesetzte Angst, dass er sowieso keines seiner Geschäfte unterwegs erledigt.

Nun konnte man im Laufe des Sommers zusehen, wie aus meinem offenen, selbstbewussten Buddy ein Hund wurde, der bei fast jedem Hund in Sichtweite stehen blieb und nicht weiter in die Richtung wollte. Nur angeleint und an mein Bein geschmiegt hat er nun Begegnungen gemeistert. Das verstehe ich sehr gut und es ist okay für mich. Es zeigt mir, dass er mir vertraut und so gemeinsam diese Momente mit mir meistert.

Vielleicht könnten wir auch schon einige Fortschritte gemacht haben. Wenn unsere Begegnungen nicht alle so verdammt besch… ablaufen würden. Die folgenden Erlebnisse stammen alle aus den letzten zwei Wochen.

Lieber Handy als Leine in der Hand

Im Dunklen näherte sich eine Person lautstark telefonierend mit Hund. Ins Gespräch eingebettet immer wieder ermahnende Worte an den Hund. “Nein, du bleibst”, “Neeeein, hier”, “Hiiiier” – aber kein Anleinen und keine zügige Reaktion als der Hund abdrehte, Buddy fixierend immer schneller auf ihn zusteuerte und anfing Zähne zeigend zu knurren. Einen Meter vor dem Zwerg, der an der Leine an meiner Seite stand, bekam ich den Fremden zu packen, der schon das Maul offen hat, immer noch knurrend und sofort den Kopf rumriss um sich nun auf meinen Arm in seinem Fell zu konzentrieren. Immer noch telefonierend kam nun auch das Herrchen, nahm mir den Hund ab, entschuldigte sich und ging weiter. Ohne Leine. Hinter uns konnten wir schon wieder “Neeein, hier”, “Du bleibst” hören.

Eigene Freiheit über alles

Neuer Tag, neue Situation. Wir liefen wieder dort abends im Dunklen. Uns kam ein Paar mit Hund entgegen, der ungestüm von links nach rechts flitzte und jede Menge Hummeln im Hintern zu haben schien. Buddy blockierte, ich leinte ihn an und wir gingen gemeinsam langsam weiter. Aus der Entfernung sahen wir schon, dass der andere weder herangerufen noch angeleint wurde. Und im nächsten Moment bretterte er mir auch schon in die Beine und knurrte Buddy an. Ich kam ins Straucheln, fing mich gerade noch so und schimpfte “Verdammt nochmal”. Statt einer Entschuldigung bekam ich nichts als ein entnervtes Seufzen seitens des Mannes und ein verächtliches “Mein Gott” zu hören, als würde ich aus einer Mücke einen Elefanten machen.

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Der soll sich ruhig wehren. Das ist die Natur

Ein paar Tage später im heimischen Wald hielt dann ein Auto aus dem zwei angeleinte, nicht gerade kleine Hunde bugsiert wurden, die sogleich anfingen uns aus der Entfernung lautstark anzukläffen. Wir änderten die Route, gingen der Begegnung aus dem Weg, denn das braucht dann wirklich niemand. Immerhin waren sie angeleint. Zehn Minuten später hörten wir dann aus der Entfernung immer wieder einen Pfiff. Für mich schon ein Alarmsignal. Und keine dreißig Sekunden später kam Nummer Eins des lautstarken Duos auf uns zugerannt. Ich holte Buddy ran, leinte ihn an und verscheuchte den Fremden mit einem “Hey, ab jetzt!” vom Zwergenhintern. Erstaunt stellte ich fest wie schwer beeindruckt der andere Hund von meinen rauen Worten war und gleich die Biege machte. Dann kam er aber wieder, mit Nummer Zwei im Schlepptau. Gerade als sich beide vorn und hinten um Buddy drängten und ich wieder mit wedelnden Armen und scheuchenden Worten zur Tat schritt kam dann auch mal das Frauchen in Sicht. Gut, dachte ich. Aber nein, während ich mit dem angeleinten, verängstigten Zwerg versuchte ihre Hunde wegzuschicken sagte sie nur “die tun nichts”. Das Duo fasste das wohl als Zuspruch auf und bedrängte Buddy weiter. Ich hätte platzen können. Ich sagte also nachdrücklich “Wir möchten aber bitte keinen Kontakt, er möchte das nicht”. Die Antwort “Der soll sich ruhig wehren. Das ist die Natur”. Hallooo?! Tickt es noch ganz sauber?? An dieser Stelle war ich kurz davor Buddy’s Leine an ihren Kopf zu schmeißen. Aber die war ja immer noch am Zwerg, genau wie ihre Hunde. Wütend versuche ich Buddy also alleine von den Beiden wegzulenken und diese Person so schnell wie möglich aus den Augen zu bekommen. Der Zwerg hatte diese Situation lange genug gemeistert, sonst hätte ich mir die Dame sicherlich verbal vorgeknöpft.

Die sind ganz lieb

Zwei weitere Tage später, ich war immer noch wütend über die letzten Begegnungen, lief eine Dame mit drei Hunden hinter uns. Ich ließ Buddy an der Leine um zu verdeutlichen, dass wir keinen Kontakt möchten und bog recht schnell ab. Alles nochmal glatt gegangen. Später gingen wir gerade auf eine T-Gablung zu, als der Größere im Trio plötzlich auf der Kreuzung stand und uns nur anstarrte. Ich leinte Buddy gleich an und ordnete ihn hinter mich. Trotzdem wollte er nicht weiter. Wir warteten also. Dann kam der Rest der Truppe samt Frauchen, dass dann wenigstens den Großen mit den Worten “der ist manchmal echt ruppig” anleinte und auf der Kreuzung stehen blieb. Nun starrten uns alle vier an. “Die anderen sind lieb, Sie können ruhig vorbei”. Buddy blockte noch immer und gegen seinen Instinkt bewegte ich ihn dazu weiterzugehen, damit wir an dem fremden Rudel vorbei konnten. Da kamen natürlich gleich die beiden “Lieben” von vorn und hinten und hängten sich an Buddy. Der knurrte kurz und drückte sich an mein Bein. Wir gingen weiter und schon stürzten die beiden “Lieben” knurrend nach vorne, einer versuchte Buddy in den Hintern zu zwacken und Nummer Drei überschlug sich mittlerweile randalierend in der Leine. Zum Glück waren wir nun vorbei und machten Meter. Hinter uns hörte ich nur “was ist nur mit euch los? Ihr seid doch sonst nicht so!”. Ja, ist klar.

Die Hundebegegnungsetikette – ein schwindendes Relikt aus sichereren Zeiten

Ja, was soll ich noch sagen? So schaut momentan unser Alltag aus. Und wie ihr euch bestimmt vorstellen könnt ist aus unseren entspannenden Spaziergängen, die wir immer so geliebt haben, mittlerweile oft ein echter Nervenakt geworden. Und das macht mich unsagbar wütend. Was ist nur aus den Benimmregeln unter Hundebesitzern geworden?! Wenn ein angeleinter Hund entgegen kommt, leine ich meinen selbstverständlich auch an, es sei denn er läuft auch so hundertprozentig bei Fuß vorbei. Und generell lasse ich meinen Hund nicht unaufgefordert zu jedem anderen hinlaufen. Ich behalte meinen Hund in Sichtweite, lasse ihn nur laufen, wenn er abrufbar ist und sollte doch mal was nicht nach Plan laufen, fange ich ihn sofort ein und entschuldige mich. Das alles ist doch das mindeste, dass jedem Hundehalter von Anfang an in Hundeschule, Ratgebern & Co vermittelt wird. Wo sind diese Umgangsformen nur hin? Und was soll daraus nur werden? 

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Die Sozialen Netzwerke sind voll von solchen Geschichten von anderen, die genauso sauer und fassungslos sind wie ich. Also scheinen es nicht nur mein persönliches Empfinden und meine Erfahrungen hier vor Ort zu sein, dass in dieser Hundehaltergeneration gerade irgendwas mächtig schief läuft. Dass sowas nervig und unangenehm sein kann ist die eine Seite, aber Buddy ist bei weitem nicht der einzige, der bei einer solchen Begegnung verletzt und attackiert wurde. Und wenn ich mich nicht trauen würde, den fremden Hund rechtzeitig zu packen – ich bin mir sicher es wäre schon mehr passiert. Wenn man sich nur die paar Geschichten von uns heute anschaut, sieht man deutlich, dass jede, wirklich JEDE, dieser Situationen durch den Halter, Einsicht, Erziehung und ggf. eine Leine hätte verhindert werden können. Wieso also sind so viele Hundehalter so fahrlässig rücksichtslos geworden? Ist es wirklich eine so große persönliche Belastung seinen Hund zu erziehen und die Benimmregeln zu berücksichtigen, dass man bereit ist andere Hunde und Menschen derart einzuschränken und nicht selten einer Gefahr auszusetzen? Was ist das nur für ein negativer Trend und wo soll das alles hinführen?

Natürlich gilt das alles nicht für alle Hundehalter. Und selbstverständlich haben wir auch immer wieder sehr angenehme, problemlose Begegnungen. Und ja, wie ich eingangs sagte ist dies aktuell ein Reizthema für mich. Aber ich denke die Beispiele machen deutlich, dass dieser Beitrag trotz aller Subjektivität nicht gerade realitätsfern ist.

2 Antworten auf „Das Ende der Etikette – Hundebegegnungen ohne Rücksicht“

  1. Das zerreisst einen echt das Herz das zu lesen. Ich habe mich schon öfters gefragt, wie er das krasse Erlebnis vor ein paar Monaten verkraftet hat. Es tut mir so leid für euch und ich kann deine Worte nur zu 100% bestätigen. Alleine das es Leute gibt, die ihren Hund alleine vor die Tür schicken um Geschäfte zu erledigen, da zieht es mir echt dje Schuhe aus! Es muss dringend ein bundesweiter Hundeführerschein her, so dass sich hoffentlich nicht jede Flachzange einen Hund halten kann.

    Viele Grüße
    Katarina und Loki

    1. Danke für deine Worte, Katarina! Ja, ich glaube auch, dass es wirklich sinnvoll wäre, wenn man von den Haltern zumindest ein grundlegendes Fachwissen fordern würde. Aber ob nun eine Prüfung wie ein Hundeführerschein wirklich dauerhaft das Verhalten im Alltag verbessern würde, ist eine andere Frage.

      Lieben Gruß, Melody

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