Das Großvaterparadoxon der Hundeerziehung

Was würdest du verändern, wenn du mit nochmal an Tag eins der Hundeerziehung anfangen könntest? – Ein Klassiker unter den Social Media Fragen. Ich würde behaupten, dass man immer spontan irgendwo etwas finden würde, dass man anders machen würde. Doch würde man wirklich Dinge in der gemeinsamen Vergangenheit verändern wollen?

Wird in den sozialen Netzwerken mal wieder danach gefragt, was man nach dem Einzug seines Hundes anders machen würde, antworte ich in der Regel spontan, dass ich bei einigen Dingen von Anfang an etwas planvoller vorgehen würde. Das Alleinbleiben würde konsequenter geübt, ebenso würde auf die wenigen, essentiellen Regeln mehr Gewicht gelegt, von Rückruf und Abbruchsignal bis hin zur Leinenführigkeit. Eines Tages, während ich diese Antwort so eintippte, fragte ich mich, warum es ausgerechnet diese Dinge wären, die ich anders machen würde. Und ob ich diese Punkte wirklich anders machen würde, auch wenn ich dadurch den ganzen Verlauf der Ereignisse verändern würde.

Die erste Frage konnte ich mir recht schnell beantworten. Die Dinge, die ich ändern wollen würde, sind jene, die uns im Laufe der Jahre besonders viel Energie, Nerven und Zeit gekostet haben. Hätten wir diese Bereiche von kleinauf in Angriff genommen, so wie es schließlich allgemein empfohlen wird *hüstel* dann hätten wir uns viel Mühe ersparen können und obendrein eine höhere Erfolgsquote gehabt. Aber Moment. Wäre das wirklich eine so sichere Sache?

Es könnte so einfach sein. Oder?

Nehmen wir als Beispiele die Themen Leinenführigkeit und Alleinbleiben. Bei beiden wird einem überall dringend angeraten, von Tag eins an mit dem Training anzufangen und von Anfang an klare Strukturen zu schaffen. Aufgrund des besonders prägenden, lernbereiten Welpenalters auf der einen Seite und dem Tabula Rasa-Vorteil auf der anderen Seite erstmal eine logische und leicht nachvollziehbare Geschichte. Mit Buddy haben wir erlebt, wie schwierig es sein kann, wenn man diese Dinge erst nach Jahren in Angriff nimmt, nachdem sich festgefahrene Muster etabliert haben und unerwünschtes Verhalten sogesehen bestärkt wurde, indem wir es ignoriert, toleriert oder gar vermieden haben. Jahrelang hat der Zwerg an der Leine gezogen wie es ihm passte, einen von links nach rechts gezerrt und hat dafür maximal genervte Worte im Hintergrundrauschen wahrgenommen. Warum sollte er also von heute auf morgen verstehen, dass er in puncto Tempo und Aufmerksamkeit gemeinsam mit mir unterwegs sein soll? – Eben. Was das Alleinbleiben betrifft, so hat der Zwerg in all den Jahren gelernt, dass er immer jemanden bei sich hat. Und wenn man denkt, dass es normal ist, immer jemanden bei sich zu haben, am besten das Frauchen, dann wird der Zustand des Alleinseins umso befremdlicher und beängstigender, vor allem, wenn Trennungsangst vom ersten Tag an ein Thema war.

Pinscher Buddy - liegt unter einer grünen Decke versteckt und schaut nur mit Nase und Augen raus

Lange Rede, ich denke es wird deutlich, dass ich aus heutiger Sicht und mit der heutigen Erfahrung diesen Themen von Tag Eins an mehr Gewicht geben würde. Ich würde mir vorher genau überlegen, was in unserem Alltag für Mensch und Hund wichtig ist und versuchen diese Basics von Anfang an als das Normalste der Welt einfließen zu lassen. Dem aufmerksamen Leser ist vielleicht aufgefallen, dass ich Hund und nicht Buddy oder Zwerg sagte. *zwinker* Und genau das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Vergangenheit verändern – Was wäre wenn…

Unserer Ausgangsfrage unterstellt, dass wir Veränderungen an unserer gemeinsamen Vergangenheit vornehmen wollen würden. Aber würden wir das denn wirklich wollen? Ich sage klar und deutlich Nein. Selbstverständlich hätte ich einige Dinge gerne vermieden und ja, vielleicht hätten diese kleinen Veränderungen in der Erziehung und in unserem Alltag sogar die ein oder andere schlimme Erfahrung verhindert. Und vielleicht wäre dadurch wirklich einiges in unserem Miteinander einfacher und entspannter gewesen. Vielleicht – das ist der Knackpunkt. Wir wissen es nicht. Vielleicht hätte Buddy die Leinenführigkeit vom ersten Tag an total easy verinnerlicht, vielleicht wäre er dadurch von Anfang an stärker auf unser kleines Team fokussiert gewesen, vielleicht wäre dadurch die Dynamik zwischen uns beiden und zwischen uns und der Umwelt anders gewesen. Und vielleicht wäre es so nicht zu der ein oder anderen negativen Erfahrung gekommen und vielleicht hätten wir uns dadurch sehr viel Unmut, Stress und Nerven gespart. Das könnte alles sein. Aber vielleicht hätte Buddy auch trotz Üben von Tag Eins an Probleme mit der Leinenführigkeit gehabt. Vielleicht hätte ihn diese Erwartung meinerseits in Kombination mit seiner Unsicherheit und Ängstlichkeit noch mehr überfordert und das Vertrauen in mich geschwächt statt gestärkt. Vielleicht hätte er so nicht so schnell seine Ängste überwunden und wäre nicht schon nach einigen Monaten selbstbewusst und offen an meiner Seite durch den Wald gestapft.

Hätte, Hätte, Fahrradkette

Ich denke, dass es für jede meiner Entscheidungen gute Gründe gab, ob nun rational oder aus dem Bauch heraus. Und auch wenn ich heute einiges anders machen würde, so würde ich nicht zurückreisen und in unserer Vergangenheit herumdoktern wollen. Denn es gibt nicht eine essentielle Sache, von der ich heute sagen würde, dass wir jede Chance für immer und ewig vertan haben. Auch wenn sich einiges als schwieriger, langwieriger und nervenzehrender erwiesen hat, wir viel härter arbeiten mussten und weit entfernt von perfekt gelandet sind, so ist genau das unser Weg, den wir gemeinsam gegangen sind und der uns zu den Individuen und dem Team gemacht hat, das wir heute sind. Ich würde wirklich nichts daran ändern wollen.

Mit den Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens macht, lernt man für die Zukunft. Nicht für die Vergangenheit. Und das ist auch gut so.

Buddy and Me gemeinsam unterwegs - Pinscher Buddy läuft neben seinem Zweibein Melody einen Feldweg entlang

Anmerkung: Das Großvaterparadoxon beschreibt Folgewidrigkeiten und Widersprüche beim Zeitreisen in die Vergangenheit.

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